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Wurzeln sammeln wie unsere Vorfahren: Was Wildpflanzen unter der Erde verbergen

vor 1 Tag
7 Min. Lesezeit

Im Herbst stellt sich die Welt der Pflanzen auf den Kopf. Viele Pflanzen, die im Sommer ihre Blüten und Blätter der Sonne entgegengestreckt haben, tauchen nun mit ihrem ganzen Sein in den dunklen Boden ein. Dort verbergen sie ihr Kostbarstes. Die Wurzeln schwellen an. Stärke, Zucker, Bitterstoffe, Aroma. Alles, was die Pflanze für den Winter braucht, liegt dann unter der Erde.


Eine Wurzel gegraben

„Die Wurzeln sind die rätselhaftesten Formen der Pflanzenwelt. Ihr Körper ist häufig unendlich größer, unendlich komplexer als ihr luftiger Zwilling, den die Pflanzen im Tageslicht vorführen. […] Ökologisch und strukturell sind die Pflanzen Doppelwesen.“

Emanuele Coccia, „Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen“


Unsere Vorfahren wussten das. Sie lernten es im Alltag und durch Rituale, gaben das Wissen weiter. Wenn draußen nichts mehr wuchs, gingen sie Wurzeln sammeln. Und was sie aus der Erde holten, war weit mehr als Essen. Es war Mehl und Kaffee, Seife und Farbe, Salbe und Gerbstoff.

Heute kaufen wir all das im Laden. Die Wurzeln sind noch da. Am Wegrand, im Garten, am Bachufer. Wir haben sie nur vergessen.


Was eine Wurzel so wertvoll macht


Eine Wurzel ist ein Vorratskeller. Viele Wildpflanzen legen dort an, was sie im nächsten Frühjahr für den Neuaustrieb brauchen. Manche speichern Stärke, wie der Rohrkolben. Andere setzen auf Inulin, einen Speicherzucker aus Fruchtzucker-Bausteinen. Wegwarte, Löwenzahn und Alant gehören dazu.

Dazu kommt alles, womit sich die Pflanze im Boden behauptet. Gerbstoffe, Bitterstoffe, Saponine, Farbstoffe, ätherische Öle. Die Pflanze schützt sich damit. Früher wussten wir wie wir genau diese Stoffe für uns zu nutzbar machten.

Und noch etwas macht Wurzeln besonders: Sie sind da, wenn sonst wenig da ist. Im Spätherbst, im Winter, im zeitigen Frühjahr. Man kann sie trocknen, lagern und vermahlen. Für Menschen ohne Supermarkt war das kein Detail. Das war Überleben.


170.000 Jahre Wurzelküche


Wie lange Menschen schon Wurzeln essen, zeigt ein Fund aus der Border Cave in Südafrika. In alten Feuerstellen lagen dort verkohlte Wurzelstöcke einer Pflanze aus der Gattung Hypoxis (Sterngräser). Sie sind bis zu 170.000 Jahre alt. Es sind die ältesten bekannten Belege dafür, dass Menschen Wurzeln gegart haben. In der Glut wurden sie weich und lieferten reichlich Energie.

Auch in Europa gibt es Spuren. Auf rund 30.000 Jahre alten Mahlsteinen aus Italien, Tschechien und Russland fanden Forschende Stärkekörner. Sie stammen unter anderem von Rohrkolben und Farnen. Die Menschen der Altsteinzeit haben also Mehl gemahlen. Aus Wurzeln. Lange bevor irgendwo das erste Getreide wuchs.


Wofür unsere Vorfahren Wurzeln nutzten


Der Rohrkolben war wahrscheinlich eine der ersten Mehlpflanzen Europas. Sein kriechender Wurzelstock steckt voller Stärke. Man hat ihn getrocknet, zerrieben und die Stärke herausgewaschen.

Die Wurzel der Wegwarte ist bitter, aber nahrhaft. Man hat sie als Gemüse gekocht oder gebraten. Wie gut eine Wildwurzel auf dem Teller sein kann, zeigt dir auch die Nachtkerze. Ihre Wurzel habe ich dir hier ausführlich vorgestellt: Zum Blogbeitrag


Wildpflanzen - Wurzeln: Beinwell, Färber-Krapp und Seifenkraut
Wildpflanzen - Wurzeln: Beinwell, Färber-Krapp und Seifenkraut

Waschen: Seifenkraut

Der römische Gelehrte Plinius schrieb im

1. Jahrhundert von einer Wurzel, die Wolle weiß und weich wäscht. Gemeint ist das Seifenkraut. Im Mittelalter kochten Klöster die Wurzel aus und wuschen darin ihre wollenen Kutten. Auf dem Land ersetzte sie lange die teure Seife.

Das Geheimnis sind Saponine. Die Wurzel enthält davon drei bis acht Prozent. Reib sie zwischen nassen Händen und es schäumt. Probier das mal aus, es ist jedes Mal wieder verblüffend.


Färben und Gerben: Färberkrapp und Blutwurz

Über Jahrhunderte kam das wichtigste Rot Europas aus einer Wurzel. Der Färberkrapp, auch Färberröte genannt, lieferte Türkischrot für Baumwolle, Krapplack für die Malerei und das Rot der französischen Uniformhosen. Rund um Straßburg und Speyer standen ganze Krappfelder. Der Farbstoff heißt Alizarin und sitzt im Wurzelstock.

Die Blutwurz ist eine kleine, unscheinbare Pflanze. Schneidest du ihren gelblichen Wurzelstock an, läuft die Schnittfläche blutrot an. Daher der Name. Sie enthält bis zu 20 Prozent Gerbstoffe und gehört damit zu den gerbstoffreichsten Pflanzen bei uns. Man hat damit Leder gegerbt und Wolle rot gefärbt.


Heilen: Beinwell, Alant und Blutwurz

Beim Beinwell verrät schon der Name, wofür man ihn schätzte. „Bein“ war früher das Wort für Knochen. „Wallen“ bedeutete zusammenwachsen. Daher kommt auch der alte Name Wallwurz. Sogar der botanische Name Symphytum geht auf das griechische Wort für zusammenwachsen zurück. Über Jahrhunderte legte man die zerstoßene Wurzel auf Brüche, Prellungen und Verstauchungen. Kein Wunder, dass man ihn den Knochenheiler nannte.

Heute weiß man mehr über ihn. Die Wurzel enthält Allantoin, Schleimstoffe und Gerbstoffe. Die Kommission E hat die äußerliche Anwendung bei Prellungen, Zerrungen und Verstauchungen positiv bewertet. Sie enthält aber auch Pyrrolizidinalkaloide, die der Leber schaden können.

Der Alant ist eine stattliche Pflanze mit großen gelben Blüten. Die Römer zählten seine Wurzel zu den Gewürzen, die in keiner Küche fehlen sollten. Im Mittelalter kandierte man sie zu Konfekt, und in der Volksheilkunde war sie eine Hustenwurzel. 1804 wurde aus Alantwurzeln zum ersten Mal ein besonderer Speicherzucker isoliert. Er bekam den Namen der Pflanze: Inulin, nach Inula.

Auch die Blutwurz hatte ihren Platz in der Hausapotheke. Ihr alter Apothekername Tormentill kommt vom lateinischen „tormen“, die Kolik. Man nutzte sie traditionell bei Durchfall und als Mundspülung. 2024 wurde sie zur Arzneipflanze des Jahres gewählt.


Würzen und Trinken: Wegwarte und Nelkenwurz

Kaffee war lange ein Luxus. In Preußen wollte Friedrich der Große den Bohnenkaffee aus den Stuben des einfachen Volks verbannen. 1806 sperrte Napoleon mit der Kontinentalsperre die Importe nach Europa. Also gruben die Menschen Wegwartenwurzeln, schnitten sie klein, rösteten sie und brühten daraus ihren Muckefuck. Beim Rösten entsteht aus dem Inulin ein Aroma, das tatsächlich an Kaffee erinnert. In Braunschweig und Magdeburg entstanden ganze Zichorienfabriken.

Die Nelkenwurz wächst fast überall am Waldrand und im Garten. Grab sie aus und riech an der Wurzel: Sie duftet nach Gewürznelke. In der Wurzel steckt der Stoff Gein. Wird sie verletzt, spaltet ein Enzym daraus Eugenol ab, den typischen Duftstoff der Nelke. Echte Gewürznelken kamen von den Molukken und kosteten ein Vermögen. Die Nelkenwurz wuchs vor der Tür. Man würzte damit Wein und Bier.


Warum dieses Wissen fast verschwunden ist

Durch all diese Geschichten zieht sich ein roter Faden. Jede Wurzel hat irgendwann ihre Aufgabe an die Industrie abgegeben.

1869 gelang die künstliche Herstellung von Alizarin, und die Krappfelder verschwanden. Moderne Waschmittel verdrängten das Seifenkraut, es wanderte ins Staudenbeet. Bohnenkaffee wurde für alle erschwinglich, und Muckefuck wurde zum Getränk der Großeltern.

Das Wissen ging nicht verloren, weil es falsch war. Es ging verloren, weil es niemand mehr brauchte.

Ich finde, es lohnt sich, es zurückzuholen. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil du mit einer Handvoll Wurzeln plötzlich wieder verstehst, woraus die Dinge gemacht sind. Und weil es einfach Freude macht, eine Farbe, einen Kaffee oder eine Waschlauge in der Hand zu halten, die du selbst aus der Erde geholt hast.


Ich habe dir einen kleinen Wurzelwerkszeugkasten zusammengestellt: klick auf die Eigenschaften oder Pflanzen und ein kleiner Steckbrief öffnet sich für dich.




Bevor du Wurzeln sammelst:

Zeitpunkt, Sicherheit und Recht


Die richtige Zeit


Die Zeit zum Wurzelngrubbern beginnt mit dem Herbst, wenn die Pflanze ihre Vorräte eingelagert hat. Die zweite Chance ist das zeitige Frühjahr, bevor sie wieder austreibt. Auch im Winter ist dies möglich, wenn uns Eis und Schnee nicht den Weg ins Erdreich verwehren. Bei zweijährigen Pflanzen wie Nachtkerze oder Klette gräbst du am besten im Herbst des ersten Jahres. Im zweiten Jahr steckt die Pflanze ihre Kraft in den Blütenstängel, und die Wurzel wird holzig.


Sicher bestimmen


Eine Wurzel allein ist schwer zu bestimmen. Bestimm die Pflanze deshalb immer oberirdisch, am besten, solange sie noch Blätter oder Blüten trägt. Merk dir den Standort im Sommer und komm im Herbst zum Graben zurück. Einige Wurzelschätze haben auch wintergrüne Blätter und bei anderen sieht man weit bis in den Winter hinein Blütenskelette die auf die Pflanze hinweisen oder den Weg zu ihren Nachkommen.

Unter der Erde gibt es gefährliche Verwechslungen. Der Wasserschierling hat einen hohlen, gekammerten Wurzelstock und gehört zu den giftigsten Pflanzen Europas. Die Herbstzeitlose bildet eine Knolle voller Colchicin. Auch die Wurzel des Aronstabs ist giftig. Man muss also wissen wonach man gräbt.


Was erlaubt ist


Die sogenannte Handstraußregel im Bundesnaturschutzgesetz (§ 39 Abs. 3) erlaubt es, wild wachsende Kräuter in geringen Mengen für den eigenen Bedarf pfleglich zu entnehmen. Das Ausgraben mit Wurzel gilt nach gängiger Auslegung nicht als pfleglich. Denn wer die Wurzel nimmt, nimmt bei einigen Arten die ganze Pflanze. Andere Arten wie Beinwell und Alant lassen sich durch eine Wurzelteilung positiv zu vermehrten Wachstum verleiten.

Am besten du gräbst im eigenen Garten, auf eigenem Land oder mit Erlaubnis der Eigentümer. Naturschutzgebiete und geschützte Arten sind tabu. Und selbst da, wo du darfst: Nimm nie alles. Lass stehen, was du nicht brauchst.


Lust, selbst zu graben?


Lesen ist das eine. Die Wurzel in der Hand halten, an ihr riechen, sie aufschneiden und verarbeiten, das ist etwas ganz anderes. Genau dafür gibt es meinen Wilde Wurzelkurs.

Du lernst, wie man Wurzeln richtig gräbt und sie in der Küche, zur Pfle

ge und für die Hausapotheke einsetzt. Aber das Wurzelgraben geht tiefer. Es ist auch eine Reise zu dir selbst: vom Augenscheinlichen in eine Tiefe, die schon unsere Vorfahren kannten.


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Bleib wild und gut verwurzelt,

Sandra


Häufige Fragen zu Wildwurzeln


Warum erntet man Wildwurzeln im Herbst?

Im Herbst lagert die Pflanze ihre Vorräte in der Wurzel ein. Stärke, Inulin, Bitterstoffe und Aromen sind dann besonders konzentriert. Die zweite gute Zeit ist das zeitige Frühjahr, bevor die Pflanze wieder austreibt.

Welche Wildwurzeln sind essbar?

Bekannte essbare Wildwurzeln sind zum Beispiel Wegwarte, Wilde Pastinake, Löwenzahn, Nachtkerze, Klette und der Wurzelstock des Rohrkolbens. Wichtig ist, die Pflanze immer sicher oberirdisch zu bestimmen, denn es gibt hochgiftige Verwechslungen wie den Wasserschierling.

Darf man Wildwurzeln einfach ausgraben?

Die Handstraußregel im Bundesnaturschutzgesetz erlaubt das pflegliche Entnehmen kleiner Mengen für den eigenen Bedarf. Das Ausgraben mit Wurzel gilt nach gängiger Auslegung nicht als pfleglich. Grab deshalb im eigenen Garten oder mit Erlaubnis der Eigentümer und nie in Schutzgebieten.

Kann man Beinwellwurzel als Tee trinken?

Eher Nein. Beinwell enthält Pyrrolizidinalkaloide, die die Leber schädigen können. Die Wurzel wird nur äußerlich und nur auf intakter Haut angewendet, traditionell bei Prellungen, Zerrungen und Verstauchungen.

Woraus wurde früher Kaffeeersatz gemacht?

Der bekannteste Kaffeeersatz war Zichorienkaffee aus der gerösteten Wurzel der Wegwarte. Beim Rösten entsteht aus dem Inulin ein kaffeeähnliches Aroma. Auch Löwenzahnwurzeln, Eicheln und Getreide wurden geröstet.


Quellen

1.      Wadley, L. et al. (2020): Cooked starchy rhizomes in Africa 170 thousand years ago. Science 367, 87–91. https://www.science.org/doi/10.1126/science.aaz5926

2.      Revedin, A. et al. (2010): Thirty thousand-year-old evidence of plant food processing. PNAS. Zusammenfassung bei Spektrum der Wissenschaft: https://www.spektrum.de/news/mehlspeisen-aus-der-steinzeit/1051865

3.      PTA-Forum: Seifenkraut, Hustenlöser mit langer Tradition. https://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=107690

4.      Wikipedia: Färberkrapp. https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%A4rberkrapp

5.      Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen: Rubia tinctorum. https://www.spektrum.de/lexikon/arzneipflanzen-drogen/rubia-tinctorum/12660

6.      Österreichische Apotheker-Zeitung: HMPC-Monographie Beinwell. https://www.oeaz.at/Pharmazie_Tara_Medizin/hmppa-monographien/Beinwell.html

8.      Welterbe Klostermedizin: Alant. http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php/arzneipflanzen/116

9.      Wikipedia: Echter Alant. https://de.wikipedia.org/wiki/Echter_Alant

10.   Wikipedia: Blutwurz. https://de.wikipedia.org/wiki/Blutwurz

11.   Zeitschrift für Phytotherapie: Blutwurz, Arzneipflanze des Jahres 2024. https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2362-6531

12.   Förderverein Freilichtmuseum Beuren: Zichorie als Kaffeeersatz. https://www.foerderverein-freilichtmuseum-beuren.de/pvh-aktuell/zichorie-als-kaffeeersatz.html

13.   Wikipedia: Echte Nelkenwurz. https://de.wikipedia.org/wiki/Echte_Nelkenwurz

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