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Die Gemeine Hasel im Vorfrühling – warum es sich lohnt, jetzt genau hinzusehen

Noch liegt der Winter schwer auf dem Boden. Die meisten Gehölze halten sich zurück, wirken verschlossen, steif in der Kälte. Und doch gibt es einen Strauch, der sich dem entzieht und dessen Gehänge jetzt schon im Wind baumeln: die Gemeine Hasel (Corylus avellana).

Die Hasel zeigt sich jetzt bewußt, wenn andere noch zögern. Ihre Kätzchen hängen offen in der kalten Luft – beweglich, staubend, bereit, sich auf die Reise ins Leben zu machen. Wer sie einmal bewusst wahrgenommen hat, sieht den Vorfrühling mit anderen Augen.

Die Gemeine Hasel ist ein mehrstämmig wachsendes Gehölz, das bis zu 100 Jahre alt werden kann – doch man sieht es ihr kaum an. Schlägt man den Strauch nieder, treibt er erneut aus: quicklebendig und verjüngt, ganz nach eigenem Rhythmus. Genau darin liegt ihre Kraft – und vielleicht auch ein Grund, warum sich seit Jahrtausenden so viele Geschichten um die Hasel ranken.

In diesem Artikel erfährst du einiges über diesen ganz besonderes Strauch - und ganz am Ende habe ich noch einen kulinarische Überraschung für dich.


Männliches Haselkätzchen küsst weibliche Haselblüte
Männliches Haselkätzchen küsst weibliche Haselblüte


Ein Strauch voller Bedeutung– die Hasel bei Aschenputtel


In der Erzählung Aschenputtel bittet die jüngste Tochter ihren Vater nicht um Schmuck oder Stoffe, als er in die Stadt geht. Sie wünscht sich etwas scheinbar Unscheinbares: den ersten Zweig, der ihm auf dem Heimweg an den Hut stößt. Es ist ein Haselzweig.

Aschenputtel pflanzt ihn auf das Grab ihrer Mutter und begießt ihn mit ihren Tränen. Aus dem Zweig wächst ein Baum. In seinen Zweigen sitzt ein weißes Vöglein, das Wünsche erfüllt. Gold und Silber fallen nicht aus Zauberhand – sie kommen aus einem lebendigen Gehölz, genährt von Erinnerung, Bindung und Geduld.

Die Hasel erscheint hier nicht als Dekoration, sondern als Mittlerin: zwischen Verlust und Hoffnung, zwischen Erde und Himmel, zwischen Wunsch und Erfüllung. Genau diese Rolle spiegelt sich auch in ihrer Biologie.


Die Hasel in der Mythologie – Haselwurm und Lachs der Weisheit


In der europäischen Mythologie gilt die Hasel seit jeher als Gehölz der Erkenntnis. Besonders in der keltischen Überlieferung ist sie eng mit Wissen, Erinnerung und innerer Schau verbunden. Eine der bekanntesten Erzählungen ist die vom Lachs der Weisheit: An einer heiligen Quelle wachsen neun Haselbäume. Ihre Nüsse fallen ins Wasser, werden vom Lachs gefressen – und mit ihnen nimmt er das gesamte Wissen der Welt in sich auf. Wer von diesem Lachs kostet, erlangt Einsicht, Klarsicht und Weisheit. Die Hasel steht hier nicht für Macht oder Stärke, sondern für ein Wissen, das aus Beobachtung, Geduld und Verbindung entsteht.

Auch der Haselwurm gehört in diesen Bedeutungsraum. Er ist kein Ungeheuer, sondern ein Grenzwesen: schlau, wachsam, instinktiv. Als Hüter verborgenen Wissens verkörpert er jene innere Stimme, die nicht laut spricht, sondern aus Erfahrung und Gespür handelt. In beiden Bildern – dem Lachs wie dem Haselwurm – zeigt sich die Hasel als Mittlerin zwischen den Ebenen: zwischen Natur und Geist, Instinkt und Erkenntnis, Sichtbarem und Verborgenem.

So wird verständlich, warum die Hasel in so vielen Geschichten dort auftaucht, wo Übergänge sichtbar werden. Sie ist kein Baum der großen Offenbarungen, sondern einer der leisen Einsicht – für jene, die bereit sind, genau hinzusehen.


Gemeine Hasel (Corylus avellana) mit gelben Kätzchen im Vorfrühling
Ein Strauch um dem sich viele Geschichten und Mythen ranken

Die Kätzchen – sichtbares Leben im unsichtbaren Übergang


Botanisch betrachtet sind es die männlichen Blütenstände der Hasel, die im Spätwinter zuerst ins Auge fallen: lange, gelbe Hasel-Kätzchen, die bereits im Herbst angelegt werden und den Winter über offen sichtbar bleiben. Wenn sie sich im Februar oder März strecken und Pollen freigeben, ist das kein vorschneller Übermut – sondern eine ausgeklügelte Strategie.

Die Gemeine Hasel ist windbestäubt. Noch bevor Laub den Luftstrom stört, nutzt sie die freie Bewegung des Winterwindes. Ein leichter Stoß genügt, und eine feine Wolke aus Haselpollen löst sich. Wer innehält und genau hinsieht, erkennt darin einen der frühesten sichtbaren Prozesse des neuen Vegetationsjahres.

Fast übersehen werden dabei die weiblichen Blüten der Hasel: kleine Knospen, aus denen rote Narben herausragen – wie eine feine, violette Punkerfrisur. Sie sind winzig und nur bei genauem Hinsehen sichtbar. Hier liegt der Anfang der Haselnuss verborgen.

Zwei Geschlechter, zwei völlig unterschiedliche Erscheinungen, vereint an einem Strauch. Auch das ist Hasel.


weibliche und männliche Blüten der Hasel
Weibliche Haselblüte ( mit violetten Narben) und männliche hängende grüngelbe Blütenstände

Genau hinschauen lernen – die Hasel als Schule des Sehens


Die Hasel lädt zur Aufmerksamkeit und zum Staunen ein. Wer an ihr vorbeigeht, sieht oft nur einen Strauch. Wer stehen bleibt, entdeckt Dynamik: schwingende goldene Kätzchen, knospende Narben, das feine Zusammenspiel von Wind, Licht und Bewegung.

Gerade im Vorfrühling schult die Hasel unseren Blick. Sie zeigt Fortschritt an und macht sichtbar, dass sie ihre eigene ökologische Nische gefunden hat. Jetzt ist die Zeit der Befruchtung, unterstützt durch den Winterwind – lange bevor die meisten Insekten unterwegs sind. Was jetzt durch die Luft schwebt, stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Nachbarstrauch.

In jeder weiblichen Blütenknospe sitzen mehrere Narbenfäden. Aus jeder könnte eine eigene Haselnuss entstehen. Die eigentliche Befruchtung der Eizelle erfolgt jedoch oft erst Wochen später, teilweise im Frühjahr. Dann entwickeln sich die Nüsse – meist zwei bis drei pro Blütenknospe.

Ein faszinierender Zyklus.

Die Hasel macht Übergänge sichtbar – wenn wir bereit sind, sie wahrzunehmen.


so enstehen Haselnüsse
Aus der weiblichen Blüte enstehen später im Frühling die Haselnüsse

Ein Gehölz zwischen Zeiten, Geschichten und Landschaften


Die Gemeine Hasel begleitet den Menschen seit der Steinzeit. Sie war Nahrung, Zauberholz, Grenzmarkierung und Schutzgehölz. Ihre Haselnüsse nährten Gemeinschaften, ihre Zweige wurden zu Ruten, Zäunen und Symbolen. In Mythen galt sie als Baum der Weisheit, der Fruchtbarkeit und der Erkenntnis.

Auch heute noch ernährt die Hasel fast das ganze Jahr über – mit nur einer kurzen Pause – mehr als 100 Tierarten. Eine davon sind wir.

Und wir beginnen gerade wieder zu erkennen:Es beginnt nicht bei der Nuss.Es beginnt hier – bei den Kätzchen im kalten Wind.


Einladung zum nächsten Spaziergang


Geh beim nächsten Gang hinaus langsamer. Such die Hecken, die Waldränder, die Übergänge zwischen offenem Land und Gehölz. Bleib stehen vor einer Hasel. Berühre ein Kätzchen vorsichtig. Beobachte, wie es sich bewegt.

Vielleicht siehst du dann, was dieses Gehölz seit Jahrhunderten erzählt – ohne ein einziges Wort zu brauchen.

Die Hasel wartet nicht.Sie ist schon da.


Wenn Du wissen möchtest was man so Leckeres aus den Kätzchen der Hasel herstellen kann, dann schau dir gerne das Rezept im Blog mit der Neanderschokolade an.


Oder hole dir hier 2 meiner Lieblingsrezepte und probiere sie unbedingt mal aus!


Achtung!!! Nichts für Menschen die auf Blütenpollen allergisch reagieren. Und es gilt wie immer - Achtsam sammeln. Eine Handvoll reicht schon für beide Rezepte.

3 Kommentare


Uta Geisler
vor 8 Stunden

Danke für den interessanten Artikel.

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rosi.schreeven
vor 5 Tagen

Das ist wieder ein schöner und interessanter Artikel. Danke Sandra :-)

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carmengraf
vor 6 Tagen

Danke für den interessanten Artikel

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