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Bärenkraft im Frühlingswald - über das uralte Brauchtum mit Bärlauch

Aktualisiert: vor 7 Stunden

Frau die Bärlauch im Wald sammelt


Hast du das schon mal gerochen? Dann wirst du dieses Erlebnis bestimmt nicht mehr vergessen.

Es ist noch früh im Jahr und der Waldboden duftet würzig. Ein grünes Meer hat sich unter den kahlen Buchen ausgebreitet und es beginnt die Saison einer Pflanze, die seit mindestens fünftausend Jahren zur Kulturgeschichte Europas gehört. Der Bärlauch ist weit mehr als eine Zutat für Pesto. Er ist verwoben mit Mythologie, Zauberglauben und einem Brauchtum, das bis heute Spuren in unserer Landschaft hinterlässt.


Wer den Namen Bärlauch zum ersten Mal hört, fragt sich unweigerlich: Was hat dieser zarte Frühlingsbote mit einem Bären zu tun? Die Antwort führt tief in die germanische Mythenwelt. Unsere Vorfahren beobachteten, dass Bären nach dem Winterschlaf zielstrebig Stellen im Wald aufsuchten, die intensiv nach Knoblauch rochen. Dort fraßen sie große Mengen der frischen Blätter – und wirkten danach gekräftigt, mit glänzendem Fell und neuem Tatendrang.

Daraus entstand der Volksglaube, dass der Bär bestimmten Pflanzen seine Kraft verleihe. Wer diese Pflanzen verzehrte, konnte sich die sprichwörtlichen Bärenkräfte einverleiben. Ein Gedanke, der in einer Zeit vor jeder Laboranalyse erstaunlich intuitiv war – denn tatsächlich steckt der Bärlauch voller Schwefelverbindungen, Vitamin C, Eisen und Mineralstoffe, die den Körper nach einem entbehrungsreichen Winter stärken.


„Sieht eini us grad wie ne Lich und ist an alle Schmerze rich und volle Gift und Grind und Mose – der Bärlauch macht sie zo ner Rose." Kräuterpfarrer Johann Künzle


Pflanzen, die einen Bärennamen trugen – Bärlauch, Bärenklau, Bärwurz – galten bei den Germanen als besonders kraftvoll. Der Bär selbst war ein heiliges Tier: Sein Verschwinden im Herbst und sein Wiedererwachen im Frühling machten ihn zum Symbol für Tod und Wiedergeburt. Ein Tier, das zwischen den Welten wandelt. Und eine Pflanze, die genau dann erscheint, wenn das Leben in den Wald zurückkehrt.


Fünftausend Jahre Gesundheit auf dem Teller


Der Bärlauch begleitet die Menschen in Mitteleuropa seit der Jungsteinzeit. In Pfahlbausiedlungen im Alpenvorland fand man eindeutige Überreste der Pflanze – ein Beleg dafür, dass sie bereits vor fünf Jahrtausenden gesammelt und gegessen wurde. Die regionale Bezeichnung „Ramser" oder „Rämsch", die in manchen Gegenden bis heute gebräuchlich ist, geht auf das germanische Wort hramusan zurück. Das mittelhochdeutsche Rams hat sich in zahlreichen Ortsnamen verewigt: Ramsthal, Ramsloh, Ramsau.



Kelten, Schlachten und ein walisisches Wappen


Besonders lebendig war das Brauchtum rund um den Bärlauch bei den Kelten. In Wales galt er als eine der heiligsten Pflanzen überhaupt. Es heißt, die keltischen Krieger hätten Bärlauch vor jeder Schlacht gegessen, um mit seiner Kraft gewappnet in den Kampf zu ziehen. Während der Schlachten gegen die Sachsen sollen sich die Waliser einen Lauchstengel an den Helm gesteckt haben – als Erkennungszeichen, um Freund von Feind zu unterscheiden.

Bis heute trägt man in Wales am Nationalfeiertag, dem St. David's Day am 1. März, traditionell Lauch an der Kleidung. Es gibt Lauch-Wettbewerbe, und der Lauch wird – roh – gegessen. Noch immer ziert er in stilisierter Form das walisische Wappen, auch wenn die Narzisse ihn inzwischen weitgehend abgelöst hat. Beide Pflanzen tragen in der walisischen Sprache verwandte Namen: Cenhinen für den Lauch, Cenhinen Pedr für die Narzisse.


Vom Schlachtfeld ins Wappen


Der Lauch – und damit möglicherweise auch der Bärlauch – ist eines der ältesten Nationalsymbole Europas. Er war zeitweise auf der britischen Ein-Pfund-Münze abgebildet und wird in Wales bis heute als Symbol für Mut und Zusammenhalt verstanden.


Hexenkraut und Walpurgisnacht


Im mitteleuropäischen Volksglauben spielte der Bärlauch eine zentrale Rolle im Kampf gegen übernatürliche Mächte. Wie sein südeuropäischer Verwandter, der Knoblauch, sollte er Vampire vertreiben, Hexen fernhalten und Schlangen abwehren. Man strich sich die Brust mit zerriebenen Bärlauchblättern ein, um Hexenzauber zu brechen – die Pflanze trug deshalb mancherorts den Namen „Hexenzwiebel".


Besonders eng war die Verbindung zur Walpurgisnacht. Eine Suppe aus Bärlauch, in der Nacht zum 1. Mai gekocht, sollte böse Geister vom Hof und Haus fernhalten. Wer einen Dieb im Traum sehen wollte, der etwas gestohlen hatte, band sich Bärlauch und Brot an den linken Arm und ging so schlafen. Und aus dem Saft des Bärlauchs, gemischt mit Koriander, sollen die Römer sogar Liebestränke zubereitet haben.

Entscheidend war der Zeitpunkt des Sammelns: Der Bärlauch musste vor der Walpurgisnacht gepflückt werden. Danach, so glaubte man, werde seine Zauberkraft durch das Treiben der Hexen zerstört. Was sich wie reiner Aberglaube anhört, trifft sich erstaunlich genau mit der Botanik: Ende April erreicht die Pflanze ihren höchsten Gehalt an wirksamen Inhaltsstoffen. Ab Mai verholzen die Blätter, die ätherischen Öle verflüchtigen sich, und die Pflanze zieht sich in die Erde zurück. Volksweisheit und Pflanzenwissen gehen hier eine bemerkenswerte Symbiose ein.



Alter englischer Reim über den Bärlauch

Das Ramschelfest – ein vergessenes Frühlingsfest


In Thüringen existierte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Brauch, der die Verbindung von Bärlauch und Frühlingsritual besonders anschaulich macht: das Ramschelfest. „Ramschel" war der Volksmund-Name für den Bärlauch, abgeleitet von jenem alten germanischen Wort.

Am Sonntag vor Walpurgis versammelten sich in kleinen Dörfern im Raum Erfurt – besonders überliefert ist das Dorf Hayn – die jungen Leute vor der Gemeindeschenke. Mit Musik zogen sie gemeinsam in den Wald, um auf einer Lichtung Bärlauch zu sammeln. Man sang, aß, trank – und kehrte schließlich mit den weißen Blüten des Bärlauchs geschmückt ins Dorf zurück. Es war ein Fest des Frühlings, der Gemeinschaft und des Aberglaubens zugleich: Der Bärlauch sollte das Vieh gesund machen, die bösen Wintergeister vertreiben und die Menschen für das kommende Jahr stärken.



Ein Fest lebt weiter


In Hayn bei Erfurt soll das Ramschelfest in gewandelter Form bis heute gefeiert werden. Aus dem alten Brauch ist ein modernes Frühlingsfest geworden – der Kern aber bleibt: gemeinsam in den Wald gehen, Bärlauch sammeln, feiern.


Herba Salutaris – das Heilkraut der Römer


Die Römer kannten den Bärlauch unter dem ehrenvollen Namen Herba salutaris – das Heilkraut schlechthin. Sie schätzten ihn als magen- und blutreinigendes Mittel und setzten ihn gegen Bluthochdruck, Bronchitis und Hautleiden ein. Der antike Gelehrte Dioskurides schrieb ihm sogar eine „Gift vertreibende" Wirkung zu.

Im Mittelalter setzte sich diese Tradition fort. Matthiolus, ein italienischer Arzt des 16. Jahrhunderts, berichtet, dass Bergbauern und Hirten die Pflanze gegen „böse, giftige Nebel" und „schädliche Lüfte" verwendeten – eine Praxis, die in Zeiten der Pest durchaus nachvollziehbar erscheint. In den alten Kräuterbüchern wurde Bärlauch bei Blähungen, Bauchschmerzen und Einschlafproblemen empfohlen, aber auch zum Auslösen von Wehen oder bei Stimmproblemen. In Essig eingelegt, kam er bei Zahnbeschwerden zum Einsatz, und gepresste Bärlauchzwiebeln galten als Mittel gegen Läuse.

Bemerkenswert ist, dass der Bärlauch im Gegensatz zum Knoblauch über Jahrhunderte hinweg immer wieder in Vergessenheit geriet – und immer wieder neu entdeckt wurde. Der Kräuterpfarrer Johann Künzle, einer seiner prominentesten Fürsprecher, nannte ihn im 19. Jahrhundert eine „der stärksten und gewaltigsten Medizinen" und empfahl ihn als Allheilmittel für „ewig kränkelnde Leute".


Frühjahrskur und Neunkräutersuppe


Eines der ältesten und am weitesten verbreiteten Bräuche mit Bärlauch ist die Frühjahrskur. Nach dem kargen Winter, in dem die Ernährung über Monate hinweg aus Getreidebrei, Trockenfleisch und eingelegtem Gemüse bestand, bot die Natur ab März eine erste frische Quelle an Vitaminen und Mineralstoffen. Der Bärlauch, oft die erste Grünpflanze des Jahres, wurde systematisch gesammelt und über mehrere Wochen hinweg täglich gegessen – als bewusste Reinigung und Stärkung des Körpers.

Besonders verbreitet war die Gründonnerstagssuppe, auch Neunkräutersuppe genannt: eine Suppe aus neun verschiedenen Wildkräutern, die traditionell am Gründonnerstag gekocht wurde. Der Bärlauch war dabei fast immer eine der neun Zutaten, neben Brennnessel, Giersch, Löwenzahn, Schafgarbe und anderen Frühlingskräutern. Die Zahl Neun galt als magische Zahl, und der Gründonnerstag war der Schwellentag zwischen Winter und Frühling, zwischen Tod und Auferstehung.

Auch die Roma und Sinti pflegten eine intensive Tradition mit dem Bärlauch. Sie legten ihren Jahresvorrat in Öl ein oder setzten ihn als Tinktur in hochprozentigem Alkohol an. In der Roma-Tradition galt er als „Jungbrunnen" und kam bei Hauterkrankungen, Pilzinfektionen und zur allgemeinen Blutreinigung zum Einsatz – und als Schutz vor Epidemien.



Bärlauchsuppe Neunkräutersuppe


Bärlauch im Stadtwald


Und heute? Der Bärlauch hat in den letzten drei Jahrzehnten eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. Was Jahrhunderte lang als bäuerliches Wildgemüse galt, ist zum gefeierten Frühlings-Star geworden – auf Wochenmärkten, in Restaurantküchen und auf Instagram-Feeds. Doch auch in unseren Städten ist er präsent: In Auenwäldern am Stadtrand, in verwilderten Parkecken, entlang von Bachläufen mitten im urbanen Raum.

Wer im April durch einen feuchten Laubwald in Stadtnähe spaziert und diesen unverkennbaren Knoblauchduft wahrnimmt, steht inmitten einer Tradition, die Jahrtausende zurückreicht. Der Bärlauch verbindet uns mit den Kelten, die vor der Schlacht davon aßen, mit den thüringischen Dorfbewohnern, die singend in den Wald zogen, mit den Römerinnen, die ihr Heilkraut sammelten.

Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis, die der Bärlauch uns schenkt: Dass Natur und Kultur, Heilkunde und Aberglaube, Wilder Wald und Stadtpark keine Gegensätze sind. Eine Handvoll wilder gesunder Genuss achtsam gesammelt verbindet uns mit der Veragngenheit.


Achtsam sammeln – eine Tradition bewahren


Wer den alten Bräuchen folgen und im Frühling Bärlauch sammeln möchte, sollte einige Regeln beachten, die teils der Achtsamkeit und teils dem Gesetz entspringen. Die sogenannte Handstraußregel nach § 39 des Bundesnaturschutzgesetzes erlaubt das Sammeln kleiner Mengen für den persönlichen Bedarf – nicht mehr als eine Handvoll pro Person. In Naturschutzgebieten ist das Sammeln grundsätzlich verboten.

Und dann ist da die berühmte Verwechslungsgefahr: Die Blätter des Bärlauchs ähneln denen des hochgiftigen Maiglöckchens und der tödlichen Herbstzeitlose. Der typische Knoblauchgeruch beim Zerreiben der Blätter hilft – aber nur beim ersten Blatt. Danach riechen die Finger ohnehin nach Bärlauch und verfälschen jeden weiteren Test. Wer sich nicht ganz sicher ist, lässt den Bärlauch besser im Wald stehen – oder studiert die unterscheidenden Merkmale.

Von einer Pflanze immer nur ein Blatt pflücken. So kann sie Blüten und Samen bilden und im nächsten Jahr wiederkommen – damit auch künftige Generationen diese alte Frühlingstradition fortführen können.


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